Haus am Steinbach - Ein Haus für neue Perspektiven

Liebe Nußdorfer Bürgerinnen und Bürger, das ehemalige Seniorenheim „Haus am Steinbach“ wird neu genutzt. Ein Leuchtturmprojekt für gelebte Inklusion entsteht – Was als Vision begann, nimmt nun konkrete Formen an.
Aus dem seit Herbst 2023 leerstehenden ehemaligen Seniorenheim „Haus am Steinbach“ in Nußdorf könnte schon bald ein lebendiger Ort der Inklusion werden (wir berichteten). Der Verein „Zukunft trotz Handicap“, die Gemeinde Nußdorf und der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising arbeiten gemeinsam daran, das Gebäude zu einem Wohn- und Lebensort für 30 erwachsene Menschen mit Behinderung umzubauen. Nach der Vorstellung der Pläne bei einer Pressekonferenz und ersten Informationsveranstaltungen wächst das Interesse: Immer mehr Familien erkundigen sich, ob hier für ihre Angehörigen eine Perspektive für ein möglichst selbstbestimmtes Leben entstehen könnte.
Andrea Hanisch, Erste Vorsitzende des Vereins „Zukunft trotz Handicap“, stellte das Projekt ausführlich vor. Das Leitbild sei klar: Wohnen, Ausbilden und Arbeiten in einer Gemeinschaft. „Wir möchten Inklusion durch gelebtes Miteinander und individuelle Unterstützung im Alltag voranbringen“, sagte sie. Ziel sei ein möglichst selbstbestimmtes Leben, orientiert an der UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere an Artikel 19, der Menschen mit Behinderung das Recht auf freie Wahl ihrer Lebensform zuspricht.
Der Verein bringe dafür bereits Erfahrungen mit. Schon 2017 habe man in Höhenkirchen-Siegertsbrunn ein Wohnprojekt mit 27 modernen Apartments eröffnet, ergänzt durch Gemeinschaftsräume, Sportangebote und Qualifizierungsprogramme wie den „Kleinen Wirtebrief“ oder den „Kleinen Kita-Brief“. Für diese Initiativen wurde der Verein 2024 mit dem Deutschen Fachkräftepreis ausgezeichnet. Diese Erfahrungen sollen nun auch in Nußdorf einfließen.
Für den späteren Betrieb würde der Verein gerne mit der Caritas zusammenarbeiten. Der Träger befindet sich in ersten Abstimmungen mit dem Kostenträger. Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising bringt als großer sozialer Träger umfangreiche Erfahrung im Betrieb von Einrichtungen der Teilhabe und Eingliederungshilfe mit. Die Kombination aus der Projektinitiative des Vereins und der fachlichen Erfahrung der Caritas gilt für viele Beteiligte als wichtiger Baustein für das Gelingen des Vorhabens.
Vorgesehen sind drei baugleiche Geschosse mit jeweils zehn Apartments, ergänzt durch Gemeinschaftsräume mit voll ausgestatteten Küchen sowie barrierefreie Einheiten, auch für Rollstuhlfahrer. Das rund 4000 Quadratmeter große Grundstück mit Grünflächen und Teich biete dafür gute Voraussetzungen. Hinzu komme die Lage mitten im Ort – mit kurzen Wegen und einer lebendigen Dorfgemeinschaft.
Rolf Gaertner, Vorstand und Schatzmeister des Vereins, betont, dass umfangreiche Modernisierungen dazu beitragen werden, dass für die kommenden Jahrzehnte „Ruhe am Haus sein wird“. Ein Großteil des Umbau-Budgets fließe daher in moderne technische Lösungen, die den Alltag der Bewohner erleichtern sollen. Als Beispiel nennt Gaertner ein barrierefrei und einfach bedienbares Zugangssystem zum Gebäude und zu den einzelnen Apartments. Auch die Energieversorgung wird grundlegend erneuert: Die bestehende Ölheizung soll durch eine zeitgemäße, nachhaltige Technik ersetzt werden.
Ein Herzstück des Konzepts ist das geplante Inklusionscafé im ehemaligen Hoteltrakt. Die vorhandene Gastronomieküche, mehrere Gaststuben und eine Terrasse sollen nicht nur den künftigen Bewohnern dienen, sondern bewusst als offener Treffpunkt für Nußdorf gestaltet werden. Menschen mit Behinderung sollen dort im Service, an der Theke oder in der Küche arbeiten und sich qualifizieren – etwa im Rahmen des „Kleinen Wirte- und Hotel-Briefs“. „Das ist keine Beschäftigungstherapie, sondern echte Teilhabe“, betonte Hanisch.
Für einige Eltern wird das Projekt inzwischen sehr konkret. Alexandra W. (Name der Redaktion bekannt) beschäftigt sich bereits seit zwei Jahren intensiv mit der Zukunft ihres Sohnes Tim. Der 17-Jährige hat Entwicklungsstörungen und Pflegegrad 3. Seine Mutter sucht für ihn einen Ort, an dem er später möglichst eigenständig leben kann. Auf die Arbeit des Vereins „Zukunft trotz Handicap“ wurde sie eher zufällig aufmerksam – durch eine Fernsehsendung. „Mich hat sofort angesprochen, dass dort Wohnen, Arbeiten und Betreuung zusammen gedacht werden“, sagt sie. Gerade diese Kombination aus Unterstützung, Tagesstruktur und gemeinschaftlichem Leben sei für ihren Sohn wichtig. Für Alexandra W. steht fest, dass ein solcher Schritt frühzeitig vorbereitet werden sollte. „Ich wünsche mir, dass Tim seinen eigenen Weg finden kann – mit Menschen um sich, die ihn unterstützen und verstehen.“
Auch für Familie K. rückt die Zukunft ihrer Tochter Pauline zunehmend in den Mittelpunkt. Die 19-Jährige hat das Down-Syndrom, ihre Eltern wünschen sich für sie ein Umfeld, das Selbstständigkeit ermöglicht und zugleich Sicherheit bietet. „Solche Einrichtungen gibt es in unserer Region nicht viele“, sagt ihr Vater. Der Gedanke des Loslassens falle zwar nicht leicht, doch das Konzept überzeuge die Familie – auch weil Pauline weiterhin engen Kontakt zu ihren Angehörigen halten könne. Vertrauen schöpfen die Eltern zudem aus der Erfahrung der beteiligten Partner. „Man merkt, dass dahinter Erfahrung steckt – das Projekt hat Hand und Fuß“, sagt Herr K.
Silke F. denkt zunehmend über die Zukunft ihrer Tochter Emely nach. Die 23-Jährige ist mehrfach körperlich und geistig behindert – zugleich aber eine lebenslustige junge Frau, die gerne unter Menschen ist. Veranstaltungen und Konzerte gehören zu den Dingen, die ihr besonders Freude bereiten. Für ihre Mutter, die mit der Familie im Münchner Umland lebt, spielt deshalb vor allem Vertrauen eine zentrale Rolle. „Wichtig ist für mich, dass Emely in einer Umgebung lebt, in der sie gut begleitet wird und Menschen um sich hat, die sie verstehen“, sagt sie. Die Vorstellung, dass ihre Tochter in einer Gemeinschaft leben kann und zugleich weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, gebe ihr Zuversicht.
Was viele Eltern verbindet, ist die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder – und zugleich die Hoffnung auf mehr Teilhabe. Viele möchten anonym bleiben, weil sie erleben, wie schwer es für Menschen mit Behinderung noch immer ist, selbstverständlich Teil der Gesellschaft zu sein. Umso mehr überzeugt sie der Gedanke eines offenen Hauses, zu dem auch das vorgesehene öffentliche Tagescafé gehört, in dem Bewohner und Gäste aus dem Ort miteinander ins Gespräch kommen können.
Auch die Finanzierung ist für viele Familien ein Thema. Der Einstieg erfolgt über ein zinsloses Darlehen von 130.000 Euro an den Verein. Für manche sei das keine leichte Entscheidung, räumt ein Vater ein. „Wenn es um die Zukunft unseres Kindes geht, rückt die Frage der Kosten für uns in den Hintergrund. Wir wissen unser Kind in guten Händen.“
Rückhalt erfährt das Vorhaben auch von der Gemeinde. Erste Bürgermeisterin Susanne Grandauer sieht in der geplanten Nutzung des Hauses eine große Chance für Nußdorf. Es sei erfreulich, dass das seit der Schließung leerstehende Gebäude wieder mit Leben gefüllt werde und eine soziale Aufgabe erfülle. Gerade eine Dorfgemeinschaft wie Nußdorf biete gute Voraussetzungen für gelebte Inklusion. Menschen mit Behinderung und ihre Familien sollten selbstverständlich zum Ortsleben dazugehören. Das Projekt könne deshalb nicht nur für die künftigen Bewohner, sondern für die gesamte Gemeinde eine Bereicherung sein.
Noch sind nicht alle Plätze endgültig vergeben, sodass sich eine gezielte Anfrage beim Verein weiterhin lohnen kann. Wer kurzfristig nähere Informationen wünscht oder Interesse an einem Platz hat, kann sich direkt an die Erste Vorsitzende des Vereins „Zukunft trotz Handicap“, Andrea Hanisch, wenden (E-Mail: nussdorf@zth-ev.de, Telefon: 0170 / 964 6050).